Stellen wir uns vor: Im Jahre 1895 steht der bekannte Kölner Schokoladenfabrikant Heinrich Stollwerck auf dem Gelände des herrschaftlichen Freiherr von Heddesdorff‘schen Weingutes in Winningen. Er lässt seinen Blick über die gegenüberliegende Moselseite schweifen. Hier stellt sich die Frage: Was führt ihn nach Winningen und zum Heddesdorff‘schen Weingut?
Heinrich Stollwerk war der Schwiegervater des Weingutbesitzers. Seine älteste Tochter Bertha hatte 1888 im Alter von 19 Jahren Carl-Maria Freiherr von Heddesdorff-Peters geheiratet. Und Heinrich Stollwerck freute sich über sein Enkelkind, die Erbtochter Hyacinthe Freiin von Heddesdorff. Hyazinthe sollte durch ihre Geburt im Jahre 1893 die seit 900 Jahren bestehende Familien-Dynastie fortsetzen. (1916 Ehe mit Erich Gilbert Anton von Canal).
Das Interesse des Besuchers am Layer Berg erklärt sich daraus: er beobachtete sicherlich mit Anteilnahme die Bauarbeiten an der entstehenden Karolahöhe. Denn er sollte einer der Förderer des Bauwerkes werden.
Der wirtschaftliche und touristische Aufbruch im Moseltal
An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Blick auf die allgemeine erfolgreiche Entwicklung, die zu diesem Zeitpunkt im Moseltal zu beobachten war. Dampfschiffe hatten bereits seit 1840 begüterte Touristen, bes. aus England, neben dem Rhein auch in das Moseltal gebracht. Seine Schönheit wurde durch ihre überschwänglichen Reiseberichte und romantischen Gemälde in die Welt getragen.
Ein entscheidender Impuls für einen ungeahnten Aufschwung des Moseltals war der Sieg über Frankreich im Deutsch/Französischen Krieg 1870/71. Frankreich musste erhebliche Reparationskosten leisten, von denen auch der Bau der Moselbahn finanziert wurde.
Bereits Ende 1879 war die Moselbahn mit repräsentativen Bahnhofsgebäuden fertiggestellt. Die neue Bahnlinie brachte nicht nur Touristen, sondern ermöglichte den Winzern eine Vermarktung ihres guten Rieslingweines im In- und Ausland. Überall im Moseltal herrschte Aufbruchsstimmung. Weinschänken, Gaststätten und Hotels entstanden. Winzer luden zur Verkostung ein. Der Fremdenverkehr blühte, Verkehrs- und Verschönerungsvereine sorgten für schöne Ortsbilder und attraktive Blickpunkte für die Touristen.
In dieser allgemeinen Stimmung hatte die Gemeinde Lay ein bemerkenswerter Antrag aus der Stadt Koblenz erreicht. Der Koblenzer Verschönerungsverein wollte auf Layer Gebiet einen „Aussichtstempel“ errichten lassen und selbst finanzieren. Es könnte sein, dass der zweite Vorsitzende des Vereins, der vermögende Stadtverordnete Josef Maria Bucher, an diesem Vorschlag nicht unbeteiligt war. Denn seine Mutter, Maria Ignatia Exius stammte aus Lay. Der Layer Gemeinderat nahm das Geschenk gerne an und erwarb dafür das passende Grundstück am kürzlich neuerbauten Bergweg. Wohlwollend unterstützte auch die Winninger Gemeinde dieses Vorhaben. Eine Spende des Herrn Stollwerck aus Köln war dankbar angenommen worden.
Wieso spendete der Schokoladenfabrikant Stollwerck aus Köln für die Karolahöhe?
An dieser Stelle ist es angebracht, dass wir uns ein wenig mit der Person des Heinrich Stollwerck befassen. Er war 1843 im begüterten Haus Stollwerck in Köln geboren und aufgewachsen. Zusammen mit seinen Brüdern war Heinrich später Besitzer der berühmten Gebr. Schokoladen- und Süßwarenfabrik Stollwerck in Köln. Heinrich war ein erfolgreicher, vielseitig tätiger Mann und wesentlich mehr als nur „ein Schokoladenfabrikant“. Er hatte eine umfassende, mathematisch-technische Ausbildung u.a. in Paris erhalten. So beherrschte er nicht nur die französische Sprache sondern war auch in technischer Hinsicht hervorragend ausgebildet. Das führte dazu, dass er erfolgreich Maschinen entwickelte und entsprechende Patente erlangte. Neben der Schokoladenherstellung besaß er in Köln eine eigene Maschinenfabrik. Bemerkenswert ist, dass dieser erfolgreiche Unternehmer und Konstrukteur ein Herz für seine Mitarbeiter und arme Menschen bewahrte. Z.B. gab er auch in seiner Firma ehemaligen Kriegskameraden Arbeit und Brot. Er unterstützte fortwährend arme Menschen mit seinen „Heinzelmännchen-Gaben“, wie es der Volksmund nannte.
Zunächst einmal aber wurden seine erfolgreichen Tätigkeiten durch die Kriegsereignisse 1870/71 unterbrochen. Heinrich Stollwercks Einberufung erfolgte zum Rhein. Inf. Reg. 69 in Koblenz. Wegen seiner Kenntnisse der französischen Sprache setzte man ihn zur Beaufsichtigung im Kriegsgefangenenlager auf der Koblenzer Karthause ein. Dort waren zeitweise 12.000 französische Kriegsgefangene untergebracht. Seine Familie folgte ihm in die Schlossstraße 31, dort wuchs auch bis zum Kriegsende die kleine Bertha, geb.1869 mit ihrer Schwester auf.
Sicherlich erkundete dieser geistig so rege Mann die Mosellandschaft, und lernte vielleicht auch die Familie von Heddesdorff näher kennen?
Zurück zur Layer Karolahöhe:
Heinrich Stollwerck blickte sicher oft vom herrschaftlichen Weingut hinauf zur entstehenden Karolahöhe. Sein Interesse an diesem Bauwerk und sein Wille zu tatkräftiger Unterstützung waren geweckt. Als sich finanzielle Engpässe beim Bau einstellten, insbesondere hinsichtlich der geplanten Errichtung einer Treppe, zeigte Stollwerck sich als großzügiger Förderer. Er konzipierte und spendete eine eiserne Wendeltreppe, die bis zur oben befindliche Plattform führte.
So könnte die Wendeltreppe ausgesehen haben: Richard Theisen hatte die Idee zu einer Rekonstruktion und sein Sohn Markus brachte sie mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz KI gekonnt zu Papier!
Der heutige Besucher kann sich kaum vorstellen, dass früher einmal die Zinnen des Turmes über eine Wendeltreppe erreicht werden konnten. Auf dieser Plattform bildeten Turner des neugegründeten Turnvereins Lay eine bestaunte Pyramide bei der Einweihung.
„Das Bergfest auf der Carolahöhe am Sonntag, 13.9.1896“
So titelten Zeitungen über dieses besondere Ereignis vor 130 Jahren: aus Koblenz, Lay und Winningen strömten an diesem Tag viele Vereinsmitglieder, Offizielle und Schaulustige mit Musikbegleitung den neuen Bergweg hinauf, um das Bauwerk gebührend einzuweihen. Die meisten Gäste waren am Nachmittag mit dem Zug gekommen. Sie wollten bei ihrer Rückfahrt mit dem Zug die bengalisch beleuchtete Karolahöhe bestaunen. Ausführliche Berichterstattung über das Bergfest auf der Karolahöhe kann nachgelesen werden (siehe Anm. unten). Sicherlich freuten sich die Besucher auch über Schokoladen- und Süßigkeitsspenden der Firma Stollwerck. Vielleicht gab es sogar schon am Winninger Bahnhof einen Stollwerck-Automaten, der mit Schokolade und Bonbons gefüllt war. Den Leckereien lagen auch Sammelbilder bei. In Deutschland waren bereits Zigtausende dieser Automaten aus der „Automatenfabrik Stollwerck“ im Einsatz, allein in New York 4000. Sogar kleinformatige Spardosenautomaten mit Belohnung durch ein Schokoladenstück fanden Einzug in die Kinderzimmer. Eine gelungene Werbung der Firma Gebr. Stollwerck.
Foto: Postkarte 1920iger Jahre, auf dem Foto ist das ebenerdige Fundament der Wendeltreppe (links) erkennbar
Leider musste die Treppe in den 1920iger Jahren entfernt werden, der großzügige Förderer Heinrich Stollwerck konnte dabei nicht mehr eingreifen. Er war im Jahre 1915 in seiner Firma im Alter von 72 Jahren bei einem Arbeitsunfall tödlich verunglückt.
Der aufmerksame Besucher kann heute noch das Fundament, welches die Wendeltreppe trug, erkennen und die breitere und verstärkte Einstiegsöffnung auf der Plattform. Das lebhafte Interesse, das die Nachbar-Gemeinde Winningen dem Layer Aussichtsturm entgegenbrachte, führte wohl dazu, dass ein Zick-Zack-Pfad gegenüber von Winningen an der Fähre zur Berghöhe führt.
Foto: Fundament gezeigt von Richard Theisen
Getreu ihrem Versprechen, die Karolahöhe instand zu halten und für jedermann zugänglich zu halten, ist die Gemeinde Lay treu geblieben. Mit Unterstützung der Stadt Koblenz kümmert sich der Verein der Heimatfreunde Lay seit Jahrzehnten um den Erhalt des Kleinods.
Möge man von der Karolahöhe dauerhaft in ein friedliches Moseltal schauen.
Hedwig Herdes
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Anmerkungen:
Dirk Kissel: Carolaturm in Koblenz-Lay, s. Kuladig
Hedwig Herdes: Aus der Geschichte des Ortes Lay an der Mosel, S. 197-202
Dank an Herrn Andreas von Canal und Frank Hoffbauer, Winningen
Dank an Markus und Richard Theisen




