Vor 220 Jahren, am 21. Juli 1804, ereignete sich an der Ahr eine Überschwemmungskatastrophe, die hinsichtlich ihrer Zerstörungskraft und des Schadensausmaßes derjenigen von 2021 ähnlich war. Genau wie im Juli vor drei Jahren wurde die Naturkatastrophe damals durch anhaltenden, sintflutartigen Regen ausgelöst, dem im Verlauf von nur einem Tag eine verheerende Flut folgte. Sie erreichte damals innerhalb weniger Stunden eine Höhe, wie man sie bis dahin wahrscheinlich nicht erlebt hatte. Im oberen und mittleren Ahrtal ertranken 63 Menschen, zudem eine nicht erfasste Zahl von Vieh. Mehr als 300 Gebäude, Wohnhäuser, Scheunen, Ställe und Mühlen, wurden von der Flut mitgerissen, ebenso wie fast alle Brücken der Ahr. Über 700 Gebäude wurden schwer beschädigt, darunter überwiegend Wohnhäuser. Bedenkt man, dass das Ahrtal damals weitaus weniger dicht besiedelt, bewohnt und bebaut war als heute, sah sich die Bevölkerung vor einer unermesslichen Schadensbilanz.
Ganz anders als heute stand für die Schadensbehebung kein technisches Gerät zur Verfügung. Alles musste mit einfachsten Mitteln von Hand geleistet werden. Aber auch damals galt es, nach abgelaufener Flut die Flächen schnellstens von Schlammmassen zu befreien, Zerstörtes zu räumen oder notdürftig wiederaufzubauen.
Der Ahrkreis gehörte damals wie auch unser Gebiet zu Frankreich, stand also unter französischer Herrschaft im Departement Rhein und Mosel. Die Verwaltung mit dem Präfekten de Chaban an der Spitze handelte entschlossen und dirigistisch. Sie ordnete eine allgemeine Hilfspflicht an. Jede Gemeinde im weiten Umkreis des Katstrophengebietes hatte ein Kontingent an Männern zur Fluthilfe an die Ahr zu entsenden. Es entstand ein überregionales, kommunales „Aktionsbündnis“. Zeitweise waren im Flutgebiet mehr als 800 Kräfte an der Ahr eingesetzt, um Direkthilfe zu leisten. Die Helfereinheiten mussten nach und nach ausgetauscht werden, weil die eingesetzten Männer oft nicht für längere Zeit abkömmlich waren, da sie zu Hause ein Handwerk ausübten, Landwirtschaft oder Weinbau betrieben und eine Familie zu ernähren hatten. So erhielt der Winninger Amtsbürgermeister Reinhardt drei Wochen nach der Flutkatastrophe die Aufforderung, eine vorgegebene Zahl von Männer aus seinem Amtsbezirk für die Fluthilfe an der Ahr abzustellen. Vier Tage später berichtete Reinhardt dem Präfekten, es seien 30 Arbeiter aus dem Amtsbezirk bestimmt worden, die in drei Tagen mit Schaufeln und Spitzhacken ausgerüstet nach Mayschoss gebracht würden. Darunter waren auch vier Männer aus Lay. Ihre Namen sind in dem Schriftstück nicht genannt.
Vier Ouvriers [Arbeiter] aus Lay wurden im August vor 220 Jahren zur Hilfsleistung an die Ahr beordert. Nach welchen Kriterien die Helfer ausgewählt wurden, ist dem Bericht des Winninger Amtsbürgermeisters an den Präfekten nicht zu entnehmen.
Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, dass zu einer Zeit, als Informationen und Nachrichten in die Ferne nur durch Postreiter, Kuriere oder Boten übermittelt werden konnten, nach der verheerenden Flut eine derart weitgreifende Soforthilfe zustande kam.
Richard Theisen
Quellen
- Frick Hans, Das Hochwasser von 1804 im Kreise Ahrweiler, in: Heimatbuch Kreis Ahrweiler, Jahrgang 1955, S. 43
- HA Koblenz, Bestand 256, Nr. 381


