Vor langer Zeit - ein schöner Julitag, ein ganz normaler Werktag in Lay. Und doch: es tut sich Ungewöhnliches in den Layer Straßen. Am Nachmittag sieht man allenthalben Frauen in „Sonntagskleidung“ mit Päckchen in den Händen. Sie streben auf bestimmte Häuser zu. Heute ist der 26. Juli. Heute ist Annatag!
Zu einer fröhlichen Kaffeerunde trafen sich Frauen und die Familie im Haus oder im Hof zur hübsch gedeckten Kaffeetafel. Meistens wurde der Tisch mit passender Tischdecke und den beliebten Sammeltassen gedeckt.
Sammeltassen aufbewahrt von Friedel und Ursula Flöck
Beliebte Geschenke zum Annatag
Die Gratulanten brachten z.B. e Blöömsche (Blume) von Kreuters Lena mit, oder sie schenkten ein Pfund Kaffee, erstanden beim Kaaf-Len (Schoor) oder Pooline. Beliebt waren die gefüllten Pralinees vom Schängel (Bäckerei Hans Alsbach) oder den Geschäften Honsdorf (Bunne), von Kaiser‘sch oder von der Comese Uma. Beim Hermann (Stelten) hatten sich die Frauen eine schöne Frisur ondulieren lassen.
Besonders beliebt waren die neueste Illustrierte oder eine Sammeltasse von Sil‘s (Matthias Honsdorf). Ein besticktes Taschentuch von Reicks Emmi (am Oertersch Eck) fand immer Bewunderer.
Freudig wurde eine Flasche Riesling von den zahlreichen hiesigen Winzern angenommen und auch meistens geleert. Ein schöner Tag mit vielen Erinnerungen entließ die Feiernden nach Hause.
Uroma ca.1950 - So könnte eine Namenstagskaffeetafel im Hof ausgesehen haben
Eigentlicher Anlass war ein Besuch aus Amerika im Jahre 1950. Gertrud Stone (geb. Göbel) besuchte ihre 82jährige Mutter Katharina und Verwandte in Lay.
Die Schreiberin dieser Zeilen nahm als Kind an der Familientafel teil und erinnert sich lebhaft an Äußerungen der Tante Traud (Gertrud) im Umgang mit Namenstagen in ihrer neuen Heimat. Für mich unvorstellbar: Demnach wurden dort keine Namenstage, sondern nur Geburtstage gefeiert! Lediglich die Deutschen in USA hielten am Namenstag fest.
Tante Traud fragte in die Runde: „Wann feiert ihr euren Namenstag?“ Sie freute sich sichtlich über die vertrauten deutschen Namen: so wurden ihr fröhlich über die Tafel hinweg die Daten zugerufen von Katharina (Katt, Kätta); Christine (Dina); Margarete (Gretel) und Johann (Häns, Schang) auch die der Nachbarn Jacob (Jäb) und Helene (Lena).
Anna - die Mutter Mariens
Der Name Anna war ein äußerst beliebter und daher oft vergebener Vorname. Er verbarg sich auch unter z.B. Anne, Ännchen oder zusammengesetzten Namen, wie Ann-Katrain oder Annemie. Überhaupt war die Anzahl der beliebten Mädchennamen (wie auch bei den Jungen) sehr begrenzt. Nach z.B. Maria, Gertrud, Katharina; Christina, Helena, Sophie oder Barbara wurde es schon sehr eng. Für lange Zeitabschnitte erhielt das neugeborene Kind den Namen des Paten oder der Patin.
Heiligentage-Lostage
Beim Stöbern in alten Urkunden fällt auf, dass man sich bei der Festlegung von offiziellen Datenangaben an bestimmte Heiligentage hielt. So entschied sich z.B. an Mariäe Lichtmess, dem 2. Februar die wichtige Frage für eine Magd oder einen Knecht, ob er oder sie weiter auf dem bisherigen Hof beschäftigt wurden oder ob sie sich eine neue Stelle suchen mussten. Auch das Fest des hl. Martin am 11.11. war ein solcher Lostag. Der Tag markierte nicht nur das Ende des landwirtschaftlichen Jahres. An diesem Tag musste auch die Pacht bezahlt werden. Ebenso wurden an diesem Tag neue Pachtverträge geschlossen.
Heiligentage - Wegweiser durch den natürlichen Jahresablauf
Bestimmte Heiligenfeste gaben den Menschen Anhaltspunkte, Wegmarken für den Stand im natürlichen Jahresablauf. Manche kennen wir noch heute aus Bauernregeln:
hier einige Beispiele:
Die „kalte Sophie“, die fünfte in der Reihe der Eisheiligen mahnt uns auch heute, dass es an ihrem Ehrentag, dem 15. Mai noch bitterkalt werden kann.
Immer dann, wenn Johannes, Johann, Hans, Häns oder Schang etc. am 24. Juni Namenstag feiern, soll man den Genuss des Spargelessens und des Rhabarberkuchens beenden.
Der Tag Mariä Geburt am 8. September erinnert die Menschen daran, dass sich unsere Schwalben anschicken, in wärmere Gegenden umzusiedeln, so heißt es heute noch:
„An Mariä Geburt / fliegen die Schwalben furt.“
Wo sind die Namenstage geblieben?
Für uns heute unvorstellbar - der Geburtstag wurde in früherer Zeit überhaupt nicht zur Kenntnis genommen und gefeiert, während der Namenstag eine große Rolle spielte. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten dermaßen geändert, dass praktisch nur noch der Geburtstag und nicht mehr der Namenstag gefeiert wird. Die Kalender früherer Zeiten erinnerten zudem jeden Tag an einen Heiligen.
Hoffentlich fällt der Namenstag der katholischen Pfarrkirchen, das Kirchweihfest, nicht dem Wandel zum Opfer. Und hoffentlich bleibt unsere Martini-Kirmes bestehen.
Hedwig Herdes



