Wenn unser Kirchturmhahn erzählen könnte…

Geschrieben am 08.04.2024
von Hedwig Herdes


Auf dem imposanten Layer Kirchturm dreht sich in luftiger Höhe ein Hahn -immer nach dem Wind.



Vor 200 Jahren wurde er auf den Turm gesetzt. Sein Schöpfer war ein junger Layer Schmied: Anton Thielmann. Auf dem Hahn hinterließ er: „A.T. 1824“. Im Alter von 27 Jahren hatte Anton am 13. November 1820 die 23jährige Anna Mader aus Lay geheiratet. Der Hahn „erlebte“ im Laufe der Jahre, dass 10 Kinder der Familie getauft und zwei Kinder zum Friedhof gebracht wurden. Er erzitterte mit, als die mächtigen Glocken aus der Glockenstube unter ihm zur Hochzeit der Töchter des Paares läuteten. Unter ihm läutete auch die Totenglocke für Anton am 23.10.1856 und für Anna am 8.9. des folgenden Jahres.

Das Leben der Layer nahm unter dem sich drehenden Hahn weiter seinen Lauf -bis zum heutigen Tag. Im Jahre 2022 erlebte der windumtoste Platz des Hahns eine große Unruhe. Der Dachstuhl musste erneuert werden und letztlich legte man auch Hand an den Hahn, der seinen Platz verlassen musste, aber in einer Werkstatt vergoldet wurde. Seitdem schwebt er glänzend -aber beinlos- über dem Kirchturm. Wenn es auch für den Betrachter nicht so aussieht: das Kreuz auf dem Turm hat die Maße 4m x 2,10 m.



Was ist unter dem Kirchturmhahn in den 200 Jahren nicht alles geschehen?

Hier können nur einige Aspekte Erwähnung finden.

Da ist z.B. die rasante Entwicklung des Verkehrs

Anfangs trieben Treidler noch moselaufwärts ihre Pferde an; dann zogen 1830 sechs Pferde die erste „Eiljacht“ nach Trier; 10 Jahre später fauchte die Mosella, das erste Dampfschiff, an Lay vorbei. Einige Jahrzehnte später schien bei großem Lärm „das Laychen“ zu explodieren. Schienen für eine Eisenbahn wurden verlegt. Menschen liefen zur Mosel, um die erste Dampflok zu bestaunen, die fauchend und rauchend die Moselstrecke befuhr.

Seit Jahrhunderten brachte die Fähre oder der Nachen Layer in ihre Wingerte und Felder über die Mosel. Leider verschwand ein vertrautes Bild, 2018 verließ die Fähre Lay.

Auch der Leinpfad verschwand und der „Layer Herrgott“, wurde vom Standort an der Mosel an die neue Straße versetzt. Als der kleine Ort Lay sich zusehends vergrößerte, entstanden neue Straßen, Schulen, Vereinshäuser und viele Wohnhäuser. Auch eine Versetzung der Obermarkkapelle war notwendig geworden. Heute eilen Autos am Layer Herrgott vorbei. Die traditionelle Glaubensbezeugung vor dem Kreuz ist der Schnelligkeit zum Opfer gefallen.

Selbst seine Luft-Hoheit über dem Turm, die bisher dem Hahn und den Kirchturmfalken uneingeschränkt zustand, verschwand. Flugzeuge aller Art ziehen knatternd über den Hahn hinweg.

Unter dem Hahn gab es auch viel Not und Armut.

Die Layer erlebten Hungerjahre, Missernten und Hochwasser oder die oft zugefrorene Mosel mit der Angst vor Eisgängen.

Normalerweise hielt die Mosel in ihrem Lauf zum Rhein immer einen gehörigen Abstand zu unserem Kirchturmhahn. Anders kam es im Jahre 1830.

Am 11. Februar gab es eine große Katastrophe.

Das Moseleis taute schneller auf als das des Rheins, der eine feste Barriere darstellte. Meterhohe Eisberge schoben sich krachend unaufhaltsam in den kleinen Ort, zerstörten Häuser, Hab und Gut und forderten Menschenleben. Schwere Eisschollen drangen sogar bis nahe an den Kirchturm vor und zerstörten das nicht mehr ganz standfeste Pfarrhaus.

Immer wieder konnte der Hahn das Anschwellen der Mosel mit großen Schäden an Häusern, Feldern und Wingerten „erleben“. Besonders die Jahre 1925 und 1993 brachten ungewöhnlich hohe Wasserstände.

Im Jahre 1866 ertönte in kurzen Abständen die Totenglocke. Die Cholera hatte auch in Lay Einzug gehalten. Der Lehrer -auch Glöckner- musste das andauernde Läuten der Totenglocke auf Pastor Montz Befehl hin einstellen, da es die Bevölkerung zu sehr erschreckte. Denn es erlagen dieser schrecklichen Seuche 36 Erwachsene und 11 Kinder. Pastor Montz setzte sich unermüdlich für die Kranken ein.

27 Layer entschieden sich auszuwandern. Sie erwarteten hoffnungsvoll ein besseres Leben in der Neuen Welt. Dafür mussten sie ihr Hab und Gut in der Heimat verkaufen. Sicherlich galt ihr letzter Gruß dem Kirchturm mit seinem Hahn.

Die Zeit unseres Hahns - die Zeit schrecklicher Kriegsereignisse

Beschränken wir uns auf die beiden schlimmsten Kriege. Auch Layer junge Männer wurden 1914 und 1939 eingezogen und viele kamen nicht mehr in die Heimat zurück. Den Gefallenen und Vermissten wurden Gedenktafeln gewidmet. Diese finden wir heute am Ehrenmal auf dem Friedhof im Schatten des Hahns.

Kirche und Pfarrherren

Sehr oft erfuhr der Turm im Laufe der Jahre Beschädigungen durch Windstürme, aber immer wieder wurde er instandgesetzt. Und der Hahn blieb fest auf seinem Platz auf dem Turm.

Alle Pfarrer waren bestrebt, mit ihren bescheidenen Mitteln den Erhalt der Kirche zu sichern. Im Jahre 1854 hielt der berühmte Pfarrer Montz Einzug in das neuerbaute Pfarrhaus. Sicherlich ließ er oft seinen Blick hinauf auf den Turm und über die Kirche schweifen. Er sorgte vorbildlich für seine Kirche und die Gemeinde. Er schenkte z.B. ein Grundstück, damit die dringend notwendige Schule gebaut werden konnte; an der Kirche ließ er eine Sakristei anbauen. Und zum ersten Mal konnte man aus der alten romanischen Kirche Orgeltöne vernehmen.

Beispielhaft sei Pfarrer Simon erwähnt. Er war nicht entmutigt, als das angesammelte Geld für einen Kirchenanbau der Inflation zum Opfer gefallen war. Die Schwestern Bersch schenkten der Kirche ihren großen „Siegburger Hof“ neben der Kirche und ihre Ländereien. Reges Leben herrschte unter dem Kirchturm, als in den Jahren 1928/29 der große Erweiterungsbau entstand, unsere jetzige Kirche.

Vom Kirchturm konnte der Hahn die großen Maßnahmen verfolgen, die Pfarrer Scholl ausführen ließ: nach Abriss des vermachten Gutes entstanden hier der Kirchenvorplatz, der Kindergarten und eine Begegnungsstätte. Nun ist immer Leben unter dem Hahn.



Möge unser Kirchturm-Hahn immer über friedlich und fröhlich feiernde Menschen seine windbedingten Kreise drehen. Er möge unbeschadet den Layern ein vertrautes Bild geben und anzeigen, woher der Wind weht.

Hedwig Herdes