Text und Fotos: Rolf Morbach
Das Haus Maistraße 4 wurde bereits 2022 als KuLaDig Objekt umfassend beschrieben, doch soll es aus aktuellem Anlass hier nochmals vorgestellt werden. Der Anlass ist das Koblenzer Kronenschild, das vor wenigen Tagen neben dem Hoftor des Anwesens in der Maistraße angebracht wurde. Das Schild weist auf die Halferwirtschaft hin, die dieses Haus ehemals beherbergte.
Diese Wirtschaften waren etwas Besonderes und nicht viele Dörfer entlang der Mosel hatten eine solche aufzuweisen. Basis für die Existenz der Halferwirtschaften war die Mosel, die seit Jahrhunderten als Schifffahrtsweg genutzt wurde. Konnten Lastschiffe auf der Talfahrt zügig segeln oder gerudert werden, so mussten sie zur Bergfahrt entlang des Flusses gezogen, getreidelt werden. Dieses war sehr zeitaufwendig und nur in kurzen Tagesetappen zu bewerkstelligen, was Übernachtungen notwendig machte.
Das Treideln auf der Mosel ist sehr alt. Bereits der römische Dichter Ausonius beschrieb dies ausführlich um das Jahr 371 in seiner ’Mosella’. Er erwähnte auch, dass man sich für das Treideln trockenen Fußes am Ufer des Flusses bewegen konnte. Deshalb müsste es damals schon einen Pfad entlang des Flussufers gegeben haben. Die um das Jahr 250 als Grabmal der Familie der Secundinier geschaffene Igeler Säule (Igel an der Mosel, oberhalb Trier) enthält ein Relief mit einer Treidelszene auf der Mosel.
Auf dieser Darstellung wird ein Lastschiff von Schleppknechten gezogen, es wurden aber auch Ochsen und Pferde für diese Arbeit eingesetzt.
In jüngerer Zeit fand das Treideln entlang der Mosel ausschließlich mit Pferden statt. Je nach der Größe des zu ziehenden Lastschiffes zogen 2, 4 oder 6 Pferde über ein langes Seil, das am Bug des Lastschiffes befestigt war, dieses flussaufwärts. Auf dem hintersten Pferd ritt der Halfer, der das Gespann führte. Er saß im Damenreitsitz mit dem Rücken zur Mosel, damit er bei Gefahr abspringen und mit seiner Heeb das Zugseil durchschlagen konnte. Denn geriet das Schiff in eine Stromschnelle, konnte das ganze Gespann in den Fluss gerissen werden. Dass die Treidelschifffahrt nicht ungefährlich war, zeigt das Gedenkkreuz für den 26-jährigen Johann Alexius Schoor aus Cochem auf dem Mostertplatz in Lay. Er war Schiffer oder Halfer und ertrank 1766 an der Layer Fähre in der Mosel.
Pferde und Halfer benutzten für das Treideln entlang der Mosel den hierzu angelegten Leinpfad. Dieser führte von Koblenz bis Alken rechts der Mosel entlang und von dort weiter nach Trier auf der linken Moselseite. Für das Treideln eines Lastschiffes von Koblenz nach Trier benötigte man 8 – 10 Tage. Das bedeutete für die Halfer und die Schiffsleute, dass sie mehrmals unterwegs übernachten und die Pferde versorgen mussten. Diese Möglichkeiten boten die Halferwirtschaften entlang des Flusses.
Eine solche Halferwirtschaft erbauten Jacob und Catharina Bubenheim 1749 in der heutigen Maistraße 4. Moselseitig grenzte das Haus direkt an den dort vorbeiführenden Leinpfad. Auf dieser Seite des Hauses lag auch der im Kellergeschoss eingerichtete Pferdestall. Dieser war in zwei Boxen unterteilt und bot Platz für bis zu sechs Pferde, dazwischen lag die Stalltür, die ebenerdig zum Leinpfad führte. Der Stall hatte eine hölzerne Flachdecke, neben der Stallung war ein Vorratsraum für Heu und Hafer. Hinter dem Stall zur Maistraße hin lag ein geräumiger Gewölbekeller mit einem Zugang zum Hof für die Vorräte des Hauses.
Die Skizze zeigt die Aufteilung des Kellergeschosses, die bis heute noch so erhalten ist. Neu ist nur der Durchbruch vom Gewölbekeller in den ehemaligen Pferdestall. Die Gaststube befand sich im Erdgeschoss.
Halfer und Schiffsleute waren die Gäste der Halferwirtschaft. Hier kehrten sie zur Nachtruhe oder auch zur Mittagsrast ein. Blieben sie zur Nachtruhe, wurden die Pferde abgeschirrt, in den Stall gebracht und dort mit Heu, Hafer und Wasser versorgt. Die Mannsleute begaben sich in die Gaststube um sich mit Brot, Käse und Wein kräftig zu stärken, bezogen anschließend ihr Nachtlager, um am anderen Morgen moselaufwärts weiterzuziehen. Die Wirtsleute waren vom Fach. Jacob Bubenheim stammte aus Neuendorf und war Schiffer, seine Ehefrau Catharina war die Tochter des Layer Schöffen und Wirtes Hans Adam Scherer. Sie betrieben die Wirtschaft über Jahrzehnte. Ihre Tochter Anna Eva heiratete 1783 Johann Georg Schäfer aus Neuendorf. Dass sie die Halferwirtschaft übernahmen, ist wahrscheinlich, konnte aber nicht nachgewiesen werden.
Ihr Sohn Martin heiratete 1816 Barbara Beckermann aus Lay und nannte sich Wirt im Gasthaus „Zu den 3 Kronen“. Martin Schäfer erlebte hier mit seiner Familie den verheerenden Eisgang vom 10. Februar 1830 bei dem ihre 9-jährige Tochter Anna im Dachgeschoss des damals eingeschossigen Hauses ertrank. In der Folgezeit wurde das durch das Eis stark beschädigte Haus instand gesetzt und um ein Obergeschoss erweitert, so wie sich das Haus heute noch darstellt. (Hofansicht)
Martin Schäfer betrieb das Gasthaus bis zu seinem Tod im Jahr 1848, danach führte es seine Witwe wohl weiter, sie starb 1866 an Cholera. Ihr Sohn Peter heiratete 1859 Elisabeth Bersch aus Lay und nannte sich Ackerer und Wirt "Zu den 3 Kronen".
Die Treidelschifffahrt auf der Mosel war inzwischen zurückgegangen, da seit 1841 Dampfschiffe regelmäßig zwischen Koblenz und Trier verkehrten, die Güter schneller befördern konnten. Wohl deshalb reichten die Einnahmen des Gasthauses nicht mehr allein zum Lebensunterhalt der Familie aus und Peter Schäfer musste zusätzlich noch Landwirtschaft betreiben. Eine weitere Einnahmequelle war die Hebestelle für den Straßenzoll der damaligen preußischen Bezirksstraße, die er von 1868 bis 1876 verwaltete. Nach der Eröffnung der Eisenbahnlinie Koblenz – Trier – Metz am 15. Mai 1879 kam die Treidelschifffahrt auf der Mosel nach und nach ganz zum Erliegen, die Eisenbahn transportierte Güter wesentlich schneller und billiger. Peter Schäfer starb 1878, seine Witwe schloss in der Folgezeit das Gasthaus, wohl weil ihre beiden Kinder dieses nicht weiterführten.
Es lässt sich zusammenfassen, dass die Halferwirtschaft mit dem späteren Namen "Zu den 3 Kronen" von 1749 bis mindestens 1878 bestand. Spätestens 1898 verkaufte Witwe Elisabeth Schäfer ihr Anwesen an August Reick, Wirt des Gasthauses "Zur Traube", der das Haus nur als Wohnhaus nutzte. Bei dieser Nutzung blieb es bis heute. Derzeitige Eigentümer sind Jenny und Johannes Berges mit Tochter Jana.
Rolf Morbach