Das 54. Koblenzer Weinfest im Stadtteil Lay ist noch in aller Munde.
In diesem Jahr wurde es zum 2. Mal ohne Festzelt bei herrlichem Sommerwetter gefeiert. Es war ein toller Erfolg und es wurde wieder zum Weinfest gewandert. Ein hervorragendes Programm auf dem Kirmesplatz und in der Weingass’, erlesene Weine der Weingass’-Winzer und gute Verköstigungsstände, kurzum, das Weinfest in Lay ist ein Erfolgsmodell. Doch wie kam Lay an „sein“ Weinfest? „Geburtshelferin“ war die Begeisterung für das gemeinsame Wandern, die sog. Volkswanderungen der 1960er und 1970er Jahre, ohne diese gäbe es kein Weinfest in Lay.
1966 griffen die Turn- und Sportfreunde Rot-Weiß Koblenz e.V. diese Wanderidee auf und organisierten unter dem Motto „Koblenz wandert“ erstmals eine Volkswanderung. Der Start erfolgte an der Rhein-Mosel-Halle und auf einem festgelegten Wanderweg quer durch den Stadtwald ging es zum Ziel Königsbacher Brauerei. Der Zuspruch war groß, deshalb organisierte Rot-Weiß Koblenz auch in den Folgejahren diese Wanderungen. Das Ziel blieb gleich, die Wanderwege wechselten in jedem Jahr.
Dem Vorsitzenden des Vereins Rot-Weiß Koblenz Dr. Heinz-Peter Volkert schwebte jedoch ein anderes Ziel für die Volkswanderungen vor: Ein stimmungsvolles Volksfest sollte es sein und die Wanderer sollten in das Fest eingebunden werden. Auf der Suche nach einem geeigneten Fest in Koblenz sprach Dr. Volkert seinen damaligen Layer Stadtratskollegen Josef Siebenborn an und fragte nach, ob nicht Lay, als Weinbauort und seit 7. November 1970 Stadtteil von Koblenz, ein solches Fest auf die Beine stellen könnte. Josef Siebenborn wandte sich an die Heimatfreunde und fand beim 2. Vorsitzenden Dieter Hau ein offenes Ohr für die Idee, in Lay ein Weinfest zu feiern, verbunden mit einer von Rot-Weiß Koblenz organisierten Volkswanderung. Nach heißen Diskussionen im Vorstand des Vereins der Heimatfreunde wurde schließlich beschlossen, ein solches Fest zu organisieren. Unterstützung kam auch vom Layer Pastor Vinzenz Scholl, der den Gedanken des Erntedanks einbrachte. So fand am Samstag und Erntedank-Sonntag 2./3. Oktober 1971 das 1. Wein- und Erntefest und die 1. Volkswanderung nach Lay mit Ziel Weingass’ und Festzelt statt.
Bild 1:
Plakat zum 1. Wein- und Erntefest und der 1. Wanderung nach Lay
Am jenem Sonntag begaben sich 4.500 Wanderer auf den Weg vom Koblenzer Deinhardplatz durch den Stadtwald nach Lay und wurden in der Weingass’ festlich begrüßt. Die Weingass’ war die Attraktion des Festes. Sieben Winzer aus Lay, Moselweiß und Ehrenbreitstein boten in eigens dafür gebauten Weinständen ihre edlen Tropfen zum Verkosten an. Eine breite Palette weiterer Getränke stand im 1000 Personen fassenden Festzelt bereit. Für das leibliche Wohl der hungrigen Wanderer sorgte eine Gulaschkanone der Bundeswehr. Dies war der Auftakt einer sehr erfolgreichen Veranstaltung, die bis zum Jahr 2005 Wanderer von Startpunkten in der Stadt und auf wechselnden, stets interessanten Wanderwegen in die Weingass’ und das Festzelt nach Lay führten.
Zum Weinfest 1974 wurde der Höhepunkt der Volkswanderungen erreicht: 6.000 Wanderer kamen nach Lay. Auch in den Jahren danach freuten sich die Organisatoren über gute Beteiligungen. 1975 wanderten 4.500 Wandersleut’ nach Lay, 3.000 Wanderer kamen 1977, 1982 kamen 2.000 Wanderer, 1984 wanderten gut 1.000 Wanderer nach Lay und so blieb es mehrere Jahre. Für die Rückfahrt nach Koblenz verkehrten kostenlose Pendelbusse.
Bild 2:
Große Wanderfuß-Anzeige, hier z. B. 1984 im Schängel
Bis zum Weinfest 1973 organisierte Rot-Weiß Koblenz zusammen mit verschiedenen Schirmherren die Wanderungen und ab 1974 übernahm die Sparkasse Koblenz diese Aufgabe. Die Sparkasse rührte im Vorfeld kräftig die Werbetrommel mit farbigen DIN A2 Wanderfuß-Plakaten in der Stadt und großflächigen Anzeigen in Rhein-Zeitung und Schängel. Die Wanderwege wurden in Probewanderungen mit Rot-Weiß Koblenz, der Sparkasse Koblenz und den Layer Heimatfreunden erkundet. Rot-Weiß Koblenz übernahm die Beschilderung der Wanderstrecke und am Weinfest-Sonntag die Besetzung der Streckenposten. Start war von 8.00 Uhr bis 9.00 Uhr am Stadion Oberwerth und die Wanderstrecken durchweg 15 km lang. Markante und historische Wegepunkte wurden stets in die verschiedenen Wanderungen mit einbezogen wie Rittersturz, Dommelberg, Augustahöhe, Kühborn, Bäckerkreuzchen, Eiserne Hand, Hügelgräber, Römischer Gutshof, Silberkaul, Katzenfels etc. So lernten manche Wanderer auch den interessanten Koblenzer Stadtwald näher kennen. 1988 wurde der gallo-römische Merkur-Tempel, dessen Fundamente im Jahr zuvor restauriert worden waren, in die Wanderung mit eingebunden. Anhand einer ausführlichen Beschreibung der Tempelanlage, die vor Ort bereitlag, konnten sich interessierte Wanderer über diese historische Kultstätte umfassend informieren.
Am Ziel in der Weingass’ wurden die Wanderer von der Weinkönigin und von Vertretern von Rot-Weiß Koblenz, der Sparkasse und den Heimatfreunden begrüßt. Hier konnten die Wanderer für ihren käuflich erworbenen und unterwegs abgestempelten Wanderpass stets ein jährlich wechselndes Präsent der Sparkasse entgegennehmen. 1974 gab es bereits am Start solide Wanderstöcke und ein Jahr später hierzu eine Stockplakette mit dem Motiv des Carolaturms. Gürteltaschen, Erste-Hilfe-Kits, Weinpokale 0,1 l, Medaillenteller mit historischen Koblenzer Motiven, Wandermedaillen etc. waren weitere Präsente.
Bild 3:
Wanderpass 1995, Vor- u. Rückseite
Auf die Wanderer warteten nicht nur erlesene Weine der Weingass-Winzer und ein vielfältiges Getränkeangebot im Festzelt. Sie konnten sich auch mit einer vortrefflichen Suppe stärken. In den ersten Jahren bot die Bundeswehr Gulaschsuppe und Eintopf aus ihrer Feldküche an. Ab dem Weinfest 1977 beköstigte der „Zweigverein der Köche von Koblenz und Umgebung e.V.“ die hungrigen Wanderer mit einer kräftigen Erbsensuppe. Den Reinerlös spendete der Verein der Aktion Sorgenkind. Zum Weinfest 1982 und noch einige Male danach präsentierten die Köche zur Abwechslung eine „Schnebbelchens-Bunnesupp“, die reißenden Absatz fand. Ab dem Weinfest 2000 übernahm eine private Interessengemeinschaft die Beköstigung der Wanderer mit Erbsensuppe.
Bild 4:
Ehemalige Weinköniginnen beim Weinausschank
Bei der Wanderung 1995 konnten sich die Wanderer kurz vor dem Ziel auf Einladung der Heimatfreunde noch an einem Glas Layer Wein erfreuen. Anlass dieser Aktion war das 25. Weinfest und die 25. Wanderung nach Lay. Fünf charmante ehemalige Weinköniginnen schenkten am Carolaturm erlesene Layer Tropfen aus – sozusagen als Vorfreude auf die nahe Weingass’.
Im Laufe der Jahre ging das Interesse an der Volkswanderidee und der Zuspruch zu „Koblenz wandert“ zurück. Aufgrund geringer Teilnehmerzahlen sah sich Rot-Weiß Koblenz veranlasst, ab 2006 keine Wanderungen mehr anzubieten. Damit endete eine Ära von 35 interessanten Veranstaltungen „Koblenz wandert“ zum Koblenzer Weinfest im Stadtteil Lay.
Doch in diesem Jahr erlebte die Wanderung zum Weinfest nach Lay eine fantastische Renaissance! Der TSV Lay hatte gemeinsam mit Meddy’s Lauf- u. Walking-Treff, dem Turngau Rhein-Mosel und dem Turnverband Mittelrhein eine Wanderung zum Weinfest nach Lay organisiert und eingeladen. 140 Wanderer machten sich am Weinfestsonntag auf die 10 km lange interessante Wanderstrecke vom Eingang des Hauptfriedhofes Beatusstraße über den Panoramaweg und Moselhöhenweg, vorbei an den ehemaligen Schießständen, Schwedenschanze, Layer Kopf, Layer Berg, Birkenwäldchen, Carolahöhe in die Weingass’. Die Wanderer wurden über interessante Wegepunkte informiert, konnten sich am Birkenwäldchen mit einem Glas Wein stärken und bekamen das Weinglas dazu geschenkt. Am Ziel in der Weingass’ wurden sie von Weinkönigin Lia, Weinprinzessin Romy sowie den vormaligen Majestäten Sophie, Jule und Maite begrüßt und erhielten eine Erinnerungsmedaille. Es war eine gelungene „Wiedergeburt“ der traditionsreichen Veranstaltung „Koblenz wandert“.
Rolf Morbach